BIKE REPUBLIC Sölden

Vor wenigen Jahren noch gab es in den Alpen eher wenig gebaute Trails. Mittlerweile haben die Orte und Tourismusverbände allerdings erkannt, dass man mit Mountainbikern auch im Sommer die Hotels und Berge füllen und so ein ganzjähriges Angebot schaffen kann. So entstand in den letzten Jahren ein sechs Kilometer langer Flowtrail in Sölden, dessen bau von Joscha Forstreuter übernommen wurde.

Von der Idee eines gebauten Bike-Trails bis hin zum fertigen und fahrbaren Ergebnis dauert es in den meisten Fällen eine ganze Weile. Viele Hürden müssen genommen werden und so war es auch in der Urlaubsregion Sölden. Lukas Grüner, selbst Mountainbiker und Mitarbeiter beim Ötztal Tourismus, hat das Projekt initiiert und erklärte uns in dem folgenden Interview, dass der Schwerpunkt ihrer Arbeit mittlerweile auf dem Mountainbike liegt.

Hallo Lukas, stell Dich doch einfach mal kurz vor.
Ich bin Lukas Grüner aus Sölden, 33 Jahre alt und arbeite seit 5 Jahren beim Ötztal Tourismus im Bereich Themen Management. Meine Aufgaben liegen beim Mountainbike, Langlauf, Geocachen und Klettern.

Was hast du vorher gemacht, hast du einen Mountainbike Hintergrund?
Ich bin eigentlich Quereinsteiger. Ich war 15 Jahre lang Snowboard Profi im Bereich Boardercross. Dann habe ich meine aktive Karriere beendet und habe gleichzeitig beim Ötztal Tourismus mit dem Thema Mountainbike angefangen. Im Training als Profi Snowboarder spielte das MTB natürlich eine große Rolle, deshalb war das alles nicht ganz neu für mich. (Was Lukas nicht von sich aus erwähnt, er war einer der besten Snowboarder Österreichs. Einige seiner Erfolge waren Juniorenweltmeister, zweifacher Weltcupsieger, dritter im Gesamtweltcup und zweimal Olympiateilnehmer, zuletzt war er sechster in Vancouver.)

Gibt es im Moment einen Schwerpunkt für den Tourismus im Ötztal?
Ja, das ist im derzeit ganz klar das Mountainbiking. Dort geht es darum das Gebiet um Sölden, die neue Bike Republik, zu erweitern. Wir wollen Angebote für jeden Mountainbiker schaffen.

Bike Republik ist ein interessanter Name, wer hatte die Idee, was ist das?
Wir haben zusammen mit einer Agentur diese Idee entwickelt und ausgearbeitet. Die Republik hat eigene Bürger und eine eigene Sprache. Deshalb haben die neuen Trails oder die, die in die Republik aufgenommen werden Namen, die aus dem Dialekt der Region kommen. In den kommenden drei bis vier Jahren entstehen in Sölden noch 15 bis 20 neue Trails für Enduro- und Trailbiker. Die Bike Republic wird also in den kommenden Jahren stetig wachsen.

Was ist der aktuelle Stand hier?
Aktuelles Highlight ist die neue Teäre Line. Teäre bedeutet eigenwillig oder eigensinnig, den eigenen Weg gehen. Das kommt daher dass man bzw. ich sehr eigenwillig sein musste um alles umzusetzen. Die Idee hatte ich bereits vor 4 Jahren und bis alles an Genehmigungen und Forst, Vogelkundlern und so weiter da war musste man schon sehr hartnäckig bleiben. Daher passt der Name sehr gut.

Welche Schwierigkeiten gab es, wie konnten die gelöst werden?
Wir haben uns alle an einen Tisch gesetzt. Vogelkundler und Naturschützer sagten nicht mitten durch den Wald sondern ihr fahrt bitte sehr viel unter der Lifttrasse oder knapp an der Skipiste. Das haben wir dann versucht irgendwie zu machen und haben es am Ende geschafft uns auf eine Linie einig zu werden.

Wie lang und wie viele Höhenmeter hat der Trail?
Gebaut sind jetzt sechs Kilometer und es geht los auf 2280 m bis auf 1370m ganz unten. Das letzte Stück von etwa einhundert Höhen Metern ist noch eine Übergangslösung, dort steht noch der Bau einer Rodelbahn an. Da hätte es keinen Sinn gemacht dort schon alles fertig zu stellen. Wer sich den schweren Teil dort nicht zutraut kann aber die Gletscherstrasse nach unten nehmen.

Der vorletzte Teil des Trails ist etwas schmaler und nicht ganz so gut ausgebaut wie das ganze obere Stück. Warum ist das so?
Das ist weil man dort öfter die Skipiste kreuzt. Das Problem ist das dort im Winterbetrieb die 13 Tonnen schweren Pistenraupen mit dem Pflug drüber fahren und wenn man dort Hügel baut sind die dann weg. Deshalb ist das dort etwas kleiner ausgefallen.

Weiter oben gibt es auch einige Überfahrten über die Skipiste, die auch relativ neu aussieht.
Ja, dort wurde und wird noch viel gebaut. Manchmal war es im letzten Jahr so, dass wir den Trail angelegt haben und dann aber die Bergbahn kam und die Skipiste gebaut hat und 50 Meter von uns wieder weg waren. Oder rumgekehrt, wir wussten nicht, wo die Skiabfahrt kommt und wir haben ein Stück ausgelassen und erstmal abgewartet habe wie Skipiste wird. Und dann haben wir zum Schluss den Anfang des Trails gebaut.

Wer war genau für die bauliche Umsetzung verantwortlich?
Das war Joscha Forstreuter aus Deutschland. Ich hatte am Anfang die Vision von dem Trail. Ich hatte mal 2011 ein Gespräch mit dem Fahrradhersteller Felt am Gardasee in Riva. Joscha ist von Felt gesponsert und dort hat sich der Kontakt ergeben da wir einen Streckenbauer suchten. Seit 2011 bis zum letzten Jahr haben wir dann an dem Trail gearbeitet, viel besichtigt und ausgefeilt und jetzt haben wir das Ergebnis.

Was war an Aufwand nötig um den Trail zu bauen, wie viele Menschen und Maschinen?
Die Grundausstattung waren zwei Bagger, zwei Dumper und eine Rüttelplatte. Und fünf Personen. Am Ende der Bauzeit vor dem Opening haben wir auf zwei Teams aufgestockt, da waren dann drei Bagger und drei Dumper im Einsatz.

Wie wird das alles finanziert?
Das Budget kommt vom Ötztal Tourismus. Durch die Kurtax Abgabe für die 3,7 Millionen Übernachtungen pro Jahr haben wir ein bisschen Geld in der Kasse. Damit werden solche Infrastrukturellen Einrichtungen gebaut. Das Budget teils sich auf in 50% Marketing, 23% Infrastruktur und 27% Personal.

Ist Sommer- und Wintersport getrennt, wie wird das organisiert?
Die Übernachtungen teilen sich auf in 1,1 Millionen im Sommer und 2,6 Millionen im Winter. Ski und Lifte sind Teil der Bergbahn die sich um alles kümmert was den Winter betrifft und das alles auch selber bezahlt. Für alles was Sommer und andere Touristische Einrichtungen betrifft, ist der Ötztaler Tourismus dabei. Ich bin nicht ganz sicher, aber 50 oder sogar 60 Prozent des Tourismus Budgets werden im Sommer investiert.

Der Trail an sich ist ja kostenlos und wird praktisch von allen Gästen finanziert, das ist auch so gewollt?
Ja, das ist so in Ordnung. Dem Ötztal Tourismus geht es ja nicht darum Geld zu verdienen sondern es soll Geld in die Region kommen. Der Mehrwert sind Übernachtungen und verkaufte Tickets für die Lifte. Ich denke mit dem Trail erreichen wir dieses Ziel schon. Und wir haben ja noch viele weiter Trails.

In Österreich ist das Radfahren ja nur auf öffentlichen Straßen und Verkehrswegen erlaubt. Ist das ein Problem für die Bike Republik?
Als Radfahrer in Österreich muss ich außerhalb der Verkehrswege überall um Erlaubnis bitten fahren zu dürfen. Das machen hier wir als Ötztal Tourismus beziehungsweise hat das Land Tirol ein eigenes Projekt dafür. Das heißt Mountainbike Modell Tirol 2.0. Dort stellt uns das Land Verträge zur Verfügung mit denen wir zu den Grundstückseigentümern gehen um Haftpflicht- und Risikofragen zu klären. In diesen Verträgen, die fünf Seiten haben, steht im Grunde dass der Grundstückseigentümer keine Haftung übernimmt. Diese wird von einer Haftpflichtversicherung des Landes Tirol übernommen.

Bis jetzt gibt es ja bei euch neben der Teäre Line noch viele Trails die in Richtung Freeride oder Enduro gehen. Gibt es Planungen für eine Downhill Strecke?
Zuerst wollen wir die breite Masse ansprechen. Die nächsten Trails die wir bauen werden, werden auch etwas leichter sein. Downhill ist ein Thema, und wir möchten das auch machen. Wir haben auch geplant größere Veranstaltungen durchzuführen, unter anderem auch DH Rennen. Das gehört dazu, aber noch nicht an erster Stelle.

Nachdem ich die Teäre Line gestestet habe würde ich sie nicht als klassischen Flowtrail bezeichen. Es rollt überall sehr gut aber ein Paar Stellen sind doch etwas rauer und steiler als bei anderen Trails dieser Kategorie. War das so gewollt?
Unsere Überlegung war, wir wollen es leichter als die vorhandene Single Trails. Das ist auch ganz klar so. Aber es soll auch nicht zu leicht sein, so dass es nach der ersten Fahrt langweilig wird. Ein bisschen höher sollte der Anspruch schon sein. Ich denke es ist gut fahrbar. Es ist aber auch so dass man vier oder fünf mal fahren kann und immer noch verschiedene Linien und Kombinationen checken kann. Für die Pflege haben wir bereits jetzt zwei Mitarbeiter die sich ständig um den Trail kümmern.

Du als Olympiateilnehmer – beim MTB ist ja nur Cross Country olympisch, was tut das Ötztal dafür, gibt es auch CC Strecken?
Wir haben im Frühjahr immer ein HC Rennen Anfang Mai auf einer Strecke im Ötztal bei Haiming. Diese Veranstaltung wird auch immer sehr gut angenommen, diese Veranstaltung gab es schon fast zwanzig Mal.

Was wird sich noch in Zukunft in der Bike Republik tun?
Es wird noch eine Ergänzung der Teäre Line in Form einer etwas schweren Variante geben, der Zahe Line. Dies wird auch Joscha Forstreuter umsetzten. Dann wird noch der oberste Teil der Teäre Line vom der Mittelstation bis zum Einstieg gebaut über ca. 100 Höhenmeter gebaut. Außerdem laufen Genehmigungen für verschiedene Naturtrails, unter anderen einer vom Tiefenbachgletscher der auf 2800m startet und danach bis nach Sölden heruntergeht. Das wird eine Art „Top the World Trail“. Dort kann man limitiert mit dem Bus hochfahren. Dorthin führt kein Lift und limitiert deshalb, um nicht mit den Wanderern in Konflikt zu geraten.

Seit du beim Ötztal Tourismus angefangen hast, wie ist die Entwicklung speziell im Bereich Mountainbike? Werden die Erwartungen erfüllt?
Bis jetzt haben wir jedes Jahr ein Plus bei den Bergbahnen, im Jahr 2014 wurden drei Mal so viele Räder mit den Bergbahnen Sölden transportiert als 2012. Wir sind sehr zufrieden mit der Entwicklung. Allerdings haben wir auch auf einem bescheidenen Niveau angefangen. Etwas aufgerüstet werden muss noch der Bike Transport, dort wird es noch Verbesserungen geben. Es werden auch mehr Bahnen geöffnet werden, dann können noch mehr Berge erschlossen werden. Wobei das nicht unser erstes Ziel ist. Dieses ist Übernachtungen zu generieren. Da tun wir uns noch etwas schwer herauszufinden wie viele von den Leuten die hier übernachten Mountainbiker sind. Wir können das im Moment nur in Gesprächen mit den Hoteliers herausfinden. Dabei sagen zwar viele es werden mehr, aber genaue Zahlen hat noch niemand.

Lukas, vielen Dank für das Gespräch und weiter viel Erfolg mit euren Projekten hier.
Ich danke euch auch für euer Interesse und dass ihr vorgekommen seid und wünsche euch noch viel Spaß hier.

Joscha Forstreuter über das Projekt Teäre Line:

Hallo Joscha, was hast du gedacht als du das erste Mal von dem Auftrag für den neuen Trail in Sölden gehört hast?
Ich dachte zuerst das ist super cool, ich hatte schon lange Bock drauf mal einen Trail in den Alpen zu bauen, da ich das bisher noch nicht gemacht habe. Auf diese Chance hatte ich schon gewartet. Für mich ist das Königsdisziplin im Streckenbau, eine Trail in den Alpen von ganz oben nach ganz unten zu verwirklichen. Als ich das Gelände zum ersten Mal gesehen habe sind wir zu diesem Zeitpunkt noch von einem anderen Charakter der Strecke ausgegangen. Ich fand es sehr schön dort und mit dem vorhandenen Gelände, den vielen Felsen hätte man viele verspielte Sachen machen können. Dann kam aber der Auftrag eher eine Anfänger orientierte Strecke zu bauen, Richtung flow Trail. Damit wurde das ganze etwas aufwendiger. Das wollte ich natürlich trotzdem machen, allerdings je leichter die Strecke werden soll desto aufwendiger wird der Bau und dauert damit auch länger. Das Gelände ist nicht perfekt für einen Flowtrail aber ich denke wir haben das Beste daraus gemacht.

Es ist aber doch etwas anspruchsvoller als ein „normaler“ Flowtrail geworden…
Ja, man kann es sicher so sagen. Das lag an verschiedenen Dingen. Insgesamt ist es sehr steil dort und wir hatten bestimmte Vorgaben zur Streckenführung so dass es stellenweise doch mit etwas Gefälle hat und anspruchsvoller geworden ist.

Wo lag bisher dein Schwerpunkt in Sachen Streckenbau?
Bisher eigentlich mehr in städtischen Pumptracks und Dirtparks, ich halte mich eher in flacheren Gegenden auf. Ich hatte mal In Saalbach einige Abschnitte überarbeitet aber noch nie eine komplette Strecke von oben nach unten in den Bergen gebaut.

Was liegt in Sölden noch an?
Der Tourismusverband hat noch einiges geplant. Es sollen so ziemlich alle Streckencharaktere hier vertreten sein wobei der Focus bei den normalen Mountainbikern und Enduro Fahrern liegen wird. Es wird noch eine längere Jump Line und eine Downhillstrecke kommen und auch noch eine leichterer Anfängertrail.

Was baust du aktuell?
Wir arbeiten derzeit an der Zahe Line, das heisst siviel wie heftig, was das ganz gut beschreibt. Diese wird ein Abzweig der Teäre Line sein. Dort wird es etwas anspruchsvoller werden, mir größeren Sprüngen. Allerdings größtenteils als Table so dass es auch mit dem Enduro Bike befahrbar sein wird. So können die Leute von der Teäre Line abbiegen und haben dann die Möglichkeit für etwas mehr Airtime.

Was ist der aktuelle Trend im Streckenbau, wie siehst du die Entwicklung?
Momentan ist das Thema Flowtrail riesengroß. Ich denke da wird es auch in den nächsten Jahren viele neue Strecken mit diesem Charakter geben. Ich hoffe aber das der eigentlich Trailcharakter bei den Neubauten nicht verloren geht. Ich bin auch ein Verfechter von anspruchsvolleren Geschichten und der Meinung, dass dies auch in jeden Bike Park gehört. Sei es dass man auf den Lines Optionen hat oder auch eigene, Anspruchsvolle Strecken. In diese Richtung werde ich auch pushen wenn ich irgendwie Einfluss nehmen kann was den Streckencharakter betrifft. Ich denke es braucht von allem etwas für einen guten Bike Park.

Wir danken dir für das Gespräch Joscha!

Fotos: Dea Krauter / www.flickr.com/photos/andredea/

Gepostet am 08.09.2015 von Jörg Domanowski |

Ähnliche Artikel